Darmstadt-Südhessen Magazin: Igelburg Mossautal; 16.November 2009 - TV Berlin Video Neues Zuhause: Völlig abgemagert und krank kommen die meisten Igel zu Idun Rieden. Seit sieben Jahren päppelt die Odenwälderin die Tiere auf. Zurzeit ist Hochsaison. Mehrmals täglich klingelt das Telefon, werden neue Tiere in die Igelburg Mossautal gebracht.
In der "Igelburg Mossautal" im Odenwald ist derzeit viel los: Mehrere Igel-Babys mit gerade einmal 130 Gramm sind dort abgegeben worden. Sie und alle anderen werden aufgepäppelt und über den Winter gebracht.
Reinhard Köthe schrieb im echo-Online am 09.12.2008:
Fünfzig Igel warten auf das Frühjahr Tierschutz: In Ober-Mossau bietet Idun Rieden stacheligen Gesellen Winter-Quartier, um sie wieder auswildern zu können OBER-MOSSAU. Gerade mal 303 Gramm bringt das stachelige Bübchen aus Michelstadt auf die Waage, das dieser Tage bei Idun Rieden in Ober-Mossau abgegeben wurde. Sie hält sich das Tier ans Ohr, murmelt etwas von Lungenentzündung und zieht schon die Einwegspritze mit dem Antibiotikum auf. Tatsächlich röchelt der Winzling unüberhörbar. Eine Wärmflasche kommt in ein altes Handtuch, mit einem zweiten wird das Igelchen zugedeckt. Daneben stellt die Tierschützerin das Schälchen mit Katzenfutter, die preiswerteste Nahrung, die auch den Stachelträgern bekommt. Idun Rieden hat alsbald nach ihrem Umzug aus dem Rheinland in den Odenwald vor sechs Jahren damit angefangen, sich um kranke oder verletzte Igel zu kümmern. Vor eineinhalb Jahren gründete sie mit einer Handvoll Mitstreitern die Igelburg Mossautal, die heute nicht nur als gemeinnütziger Verein geführt wird: Urkunden vom Veterinäramt des Kreises sowie der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidenten geben der Einrichtung die rechtlichen Grundlagen. „Es gibt sicherlich mehrere Igelstationen in Hessen, doch erst drei sind staatlich anerkannt“, weiß die Tierschützerin, die nur ein Ziel kennt: die Igel über den Winter zu bringen, um sie so bald als möglich wieder in die freie Wildbahn zu entlassen – am besten dort, wo sie aufgefunden wurden. Rund 2000 Euro haben die sieben Mitglieder der Igelburg in ein neues Freigehege mit zahlreichen Holzhüttchen investiert. Nur wenn es sich um Geschwister handelt, können die Tiere in einer Box zusammen überwintern. Denn Igel sind – bis auf die Paarungszeit – Einzelgänger, fügen anderen schwere Verletzungen zu, die in ihr Revier eindringen. Im Haus von Idun Rieden gibt es neben der Futterküche und dem Labor einen großen Quarantäneraum, in dem Neuankömmlinge oder kranke Tiere in Käfigen untergebracht sind. Regelmäßig erscheint die Pflegerin übrigens im Pressehaus des Odenwälder Echo, um bündelweise alte Zeitungen abzuholen, mit denen Käfige und Hüttchen ausgelegt werden. Zwar gibt es entgegen landläufiger Meinung keine Schweine- und Hundeigel, wie die Fachfrau weiß: „Der Unterschied resultiert aus dem Ernährungszustand, aber Schweine sind Igel allemal.“ Regelmäßig müssen die Zeitungen ausgetauscht werden, ständig dreht sich die Waschmaschine mit den Handtüchern aus dem Quarantäneraum. Auch wenn die ersten Igel bereits zusammen mit den letzten Sauriern unsere Erde bevölkert haben, in Amerika allerdings aus nicht bekannten Gründen ausgestorben sind, wissen wir bei weitem noch nicht alles über die Natur dieser an sich putzigen Kerlchen. „Mit der Igelforschung hat der frühere Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek erst vor vierzig Jahren begonnen“, so die Tierschützerin, die sich medizinische Kenntnisse angeeignet hat, um ihre Hausgenossen selbst behandeln und auch Laboruntersuchungen vornehmen zu können: „Den Tierarzt kann sich unser Verein nicht leisten“, weist sie auf das drängendste Problem der Igelburg mit aktuell 50 Gästen – 15 weitere sind bei Vereinsmitgliedern untergekommen – hin: Die knappen Finanzen. Weil Igel bekanntlich von Milch krank werden, bekommen Jungtiere eine Spezialnahrung ins Fläschchen, von der eine Dose gleich mit 50 Euro zu Buche schlägt. Jetzt überlegen die Vereinsmitglieder, ob sich die Hühnerhaltung lohnen könnte, denn Eier gehören ebenfalls zum Nahrungsspektrum ihrer Freunde. Im rauen Odenwald muss ein Igel mindestens 700 Gramm schwer sein, um den Winterschlaf überleben zu können, an der milderen Bergstraße reichen 600 Gramm. Ein Alarmzeichen ist, wenn sie sich tagsüber blicken lassen. Dann sind die nachtaktiven Tiere entweder krank, verletzt oder vertrieben worden. So überwintert gerade eine Igelmutter mit gleich zehn Jungen – das ist fast schon eine biologische Sensation – in Ober-Mossau: Die Familie musste einer Neubaumaßnahme weichen. Irgendwann will der Verein auch einen Mustergarten anlegen, wo sich jeder Interessierte informieren kann, wie er dem Igel auf seinem Grundstück Lebensraum bieten kann.
Landwirte wehren sich mit Ratron gegen Plage – Naturschützer: Auch andere Tiere können sterben
Stuttgart - Mit tonnenweise Giftkörnern haben sich die Landwirte im vergangenen Jahr gegen eine Mäuseplage gewehrt. Naturschützer warnen: Das Gift tötet auch andere Tiere wie Feldhasen und Greifvögel. Doch die Landesregierung will den Gifteinsatz auch künftig nicht stoppen.
VON HILMAR PFISTER Sie sind nur zehn Zentimeter groß, wiegen 50 Gramm und kauern meist unscheinbar im Gras. Doch wenn Feldmäuse zu Hunderttausenden im Weizenfeld einfallen, bekommen es selbst hartgesottene Landwirte mit der Angst zu tun. Die kleinen Nager zerfurchen den Boden, fressen die Wurzeln ab, knicken die Halme junger Pflanzen um und hinterlassen ein Bild der Zerstörung. Bis zu 80 Prozent der Ernte gehen teilweise zugrunde - auch im vergangenen Jahr im Südwesten. Milder Winter, trockener Frühling: Das waren die Zutaten für ein erschreckend erfolgreiches Mäusejahr. Ein Weibchen wirft zwischen März und September üblicherweise vier- bis fünfmal je sechs Junge. Hochgerechnet kommt man so auf 500 bis 700 Nachkommen eines Pärchens - pro Jahr. Wie viele Nager im vergangenen Jahr auf den Feldern des Landes gewütet haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch von einer Plage spricht man, wenn sich 1000 bis 2000 Tiere auf einem Hektar tummeln. „Um wirtschaftliche Schäden zu vermeiden und die Qualität zu sichern, muss man in solchen Fällen Mäusegift ausbringen", sagt Marco Eberle vom Landesbauernverband. Und das taten die Landwirte denn auch. Mit Düngerstreuern und Drillmaschinen warfen sie rund 1,75 Tonnen des Mäusegifts Ratron auf die Felder. Das geht aus Erhebungen des Landwirtschaftsministeriums hervor. Am häufigsten landete das granulatförmige Gift auf den Feldern im Hohenlohekreis und im Neckar-OdenwaldKreis. Die Bedenken von Naturschützern nehme man sehr ernst, sagt Eberle. Nicht umsonst sei die Genehmigung eines Gifteinsatzes mit strengen Auflagen verbunden - „den strengsten auf der Welt". Das sagt auch das Landwirtschaftsministerium. Ratron wirke nur auf Mäuse. Vergiftungen anderer Tiere durch das Mäusegift habe es seit 1990 nicht gegeben. Deshalb gebe es keine Veranlassung, den flächigen Einsatz von Ratron zu untersagen. Doch Naturschützer und auch die Landtags-Grünen bleiben bei ihren Warnrufen, „Wir befürchten, dass der großflächige Gifteinsatz Greifvögel wie Rotmilan und Mäusebussard gefährdet", sagt der Landesvorsitzende des Naturschutzbunds (Nabu), Andre Baumann. Die Aussage des Ministeriums, Ratron sei unbedenklich, akzeptiere man nicht. Im Gegenteil: Die Gefahr für Greifvögel sei nicht zu unterschätzen. Schließlich würden sich viele Greifvögel von Mäusen ernähren. „Wird Ratron in großem Stil ausgebracht, können Wildvögel qualvoll verenden", verdeutlicht Baumann. Erfordert deshalb, den Einsatz von Ratron zu verbieten. Obwohl das Landwirtschaftsministerium dem Drängen der Kritiker nicht nachgeben will, könnte sich das Problem auch so lösen. Grund: Das Mäusegift ist nicht gerade billig. Experten schätzen, dass Landwirte etwa 50 Euro für einen Hektar ausgeben müssen. Und: Das Genehmigungsverfahren ist langwierig. Beides könnte die Landwirte im kommenden Jahr von Gifteinsätzen abschrecken, sollte es wieder zu einer Mäuseplage kommen. Davon ist sowohl der Landesbauernverband als auch das Ministerium überzeugt. Doch was dann? Effektive Alternativen zum Mäusegift gibt es wenige. Zwar könnten die Landwirte ihre Böden mit speziellen Geräten bearbeiten und so die Mäuse vertreiben. Doch für große Flächen ist diese Methoden wenig geeignet. Im ökologischen Landbau behilft man sich mit den natürlichen Feinden der Nager. Gifteinsatz ist nicht erlaubt, und so montieren die Landwirte Sitzstangen in die Nähe ihrer Felder. Habicht, Bussard und Co. können darauf Platz nehmen und ihr Futter von weitem genüsslich betrachten.
Info: Das umstrittene Mäusegift Ratron kommt meist in Form von Granulat zum Einsatz. Es enthält den Wirkstoff Chlorphanicon. Damit dieser seine tödliche Wirkung entfalten kann, müssen die Mäuse das Granulat in großen Mengen fressen. Das Gift hemmt dann die Blutgerinnung im Tierkörper und verdünnt die Wände der Blutgefäße. In der Folge sterben die Mäuse an inneren Blutungen. Der Hersteller des Produkts macht darauf aufmerksam, dass es sich dabei um einen „schmerzlosen Schwächetod" handelt. hip